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Montag, 20. Juni 2011

Fotos enthüllen neue Details des Kannibalen

Fotos enthüllen neue Details des Kannibalen

Die Galaxie Centaurus A ist eines der spektakulärsten Himmelsobjekte, das die Astronomen kennen
Centaurus A ist eines der spektakulärsten und besterforschten Himmelsobjekte. Doch neue Teleskop-Aufnahmen des kosmischem Kannibalen überraschen selbst Experten.

Für ihre jüngsten Aufnahmen nutzten Astronomen die fortschrittliche Wide Field Camera 3 des Hubble-Weltraumteleskops. Sie lichtete Centaurus A in nie gekannter Detailfülle ab. Mit einer Entfernung von knapp zwölf Millionen Lichtjahren ist Centaurus A die unserer Milchstraße am nächsten gelegene Riesengalaxie. Ihr Durchmesser beträgt rund 150 000 Lichtjahren, damit übertrifft sie unsere Milchstraße um das 1,5-fache. Katalogisiert wurde sie 1847 von dem berühmten britischen Astronomen John Herschel, dem sie wegen ihres einzigartigen Erscheinungsbilds aufgefallen war.

Insbesondere zeigen die in mehreren Spektralbereichen angefertigten Hubble-Bilder die dunklen Staubwolken, die den Kern der Galaxie umschlingen, in herausragender Klarheit. Dabei entsteht ein plastischer Gesamteindruck der Sterneninsel, wie er sich einem Beobachter in einem Raumschiff böte, das in einiger Entfernung an ihrer Flanke schwebt. Die spinnwebfeinen Materiegewebe werden sichtbar, weil die Hubble-Kamera auch Anteile aus dem infraroten und UV-Bereich des Spektrums registriert. Sie enthüllen Strukturen, die im sichtbaren Licht nicht zu erkennen sind, weil der Staub sie verbirgt. Für diese Wellenlängenbereiche sind die dunklen Wolken aber durchlässig. Hobbyastronomen können Centaurus A mit einem guten Fernglas erkennen, während in Amateurteleskopen bereits die Staubwolken sichtbar sind.

Centaurus A verschlingt kleine Spiralgalaxie

Frühere Aufnahmen mit erdgebundenen Teleskopen zeigen, dass die Dunkelwolken nicht nur den Kern umschließen, sondern die gesamte Galaxie durchziehen. Zugleich ließen sie große Sternentstehungsgebiete erkennen, die in der Aufnahme als rötliche Flecken erscheinen. Den Grund für die rasante Neubildung von Sternen kennen die Himmelsforscher schon länger: Centaurus A verschlingt gerade eine kleinere Spiralgalaxie, mit der sie vor 200 bis 700 Millionen Jahren kollidierte. Die Staubwolken sind die Überreste des kleineren Kollisionspartners, der in der größeren Galaxie aufging. Deren Schwerkraft verbog die Scheibe des Spiralnebels und riss auch lang gestreckte Gasfilamente aus ihm heraus. Die Schockwelle des Aufpralls schob Wolken aus Wasserstoffgas zusammen. Ihre Materie verdichtete sich, sodass schließlich die Sternentstehung zündete.

Diese Historie des galaktischen Zusammenpralls konnten Astronomen der Europäischen Südsternwarte anhand von Infrarot-Aufnahmen rekonstruieren, die sie 2009 mit dem 3,6-Meter-Spiegel des „New Technology Telescope“ anfertigten, das auf dem Berg La Silla in Chile steht. Auf den Bildern zeichnete sich eine ringförmige Struktur von etwa 16 500 Lichtjahren Durchmesser ab, die den Kern der elliptischen Sterneninsel umschlingt. Der Ring besteht aus Tausenden von Sternen und Sternhaufen, die vermutlich zum großen Teil erst durch den Verschmelzungsprozess der beiden Sterneninseln entstanden.


Sonntag, 10. April 2011

Warum die Erde nicht zur Ruhe kommt

Warum die Erde nicht zur Ruhe kommt

Ein Monitor zeigt eine Grafik des Epizentrums des juengsten schweren Nachbebens in Japan


Wieder erzitterte der Nordosten Japans. Ein schweres Nachbeben erschütterte östlich der Küstenstadt Sendai die Erde. Und es wird nicht das letzte sein.
Allein 262 Mal erzitterte die Erde in der Woche nach dem 11. März. Die Nachbeben hätten die Stärke 5 oder mehr gehabt, teilte das Meteorologische Institut in Japan mit. Nun ereignete sich am Donnerstag das bisher stärkste Nachbeben mit einer Magnitude von 7,4.

Experten des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) glauben, dass noch über Monate starke Beben auftreten werden. Dabei könnten die Erschütterungen eine Magnitude von 7 oder 8 erreichen, prognostizieren sie. „Man kann von der Faustregel ausgehen, dass die stärksten Nachbeben etwa eine Stufe kleiner sind als das Hauptbeben“, sagt Jochen Zschau vom GFZ. Genaue Vorhersagen über die Stärke sind aber nicht möglich. Bedroht ist die gesamte Region, die vom Hauptbeben im März erschüttert wurde, auch Randgebiete der Krisenregion sind betroffen.

Spannungsverlagerungen auf Nachbarsegmente
Der Grund für die Nachbeben: Durch das Brechen des Gesteins werden ungeheure Kräfte frei, die zu physikalischen Veränderungen entlang der Störungszone führen.

Vor der Küste Japans stoßen die pazifische und die eurasische Platte aufeinander. Die pazifische Platte schiebt sich unter die eurasische. Das Gestein verhakt sich, sodass die eurasische Platte von der pazifischen mit nach unten gezogen wird. Wird die Spannung zu groß, bricht das Gestein, die Oberfläche reißt auf. Das geschah am 11. März 2011. Die eurasische Platte schnellte wieder nach oben. Dadurch wurden riesige Wassermassen nach oben verdrängt – es entstand ein Tsunami.

Nun bilden sich neue Verhakungen im Erdmantel, erklärt Thomas Jahr vom Institut für Geowissenschaftlen der Universität Jena. Das gesamte Spannungsmuster verändert sich. An manchen Stellen kann das Gestein dem Druck der Verhakung nicht standhalten, es entstehen neue Brüche, die als Nachbeben zu spüren sind.

Die Spannung verlagert sich zum Teil auch auf die Nachbarsegmente, die dann ebenfalls brechen können. Nach dem Dezember-Erdbeben vor Sumatra 2004 mit der Magnitude 9,1 zum Beispiel folgte 2005 das Osterbeben auf dem nach Süden angrenzenden Segment, erklärt Birger Lühr vom GFZ. Dieses hatte die Magnitude 8,7. Auch auf das Izmit-Beben in der Türkei 1999 der Magnitude 7,1 folgte auf dem im Osten anschließenden Segment das Düzce Erdbeben vom 12. November mit einer Magnitude von 7,1.

„Noch nach Jahren wird sich die Aktivität in der Region nicht völlig beruhigt haben“, sagt Zschau. Die Gefahr eines großen Nachbebens allerdings „dürfte in etwa einem Jahr vorbei sein“.

Montag, 28. März 2011

Zukunft der Energie

Zukunft der Energie

Schneller als gedacht soll Deutschland seinen Energiebedarf ohne Atomkraft decken. So ist es politisch gewollt, doch ist es auch technisch möglich?

Die EU importiert etwa die Hälfte der benötigten Energie – Tendenz steigend


Jetzt also soll alles ganz schnell gehen. Kaum waren nach dem Tsunami in Japan über dem Atomkraftwerk Fukushima radioaktive Wolken aufgestiegen, begann in Deutschland die Debatte über die Kernkraft neu, und ruckzuck beschloss die Bundesregierung, die sieben ältesten Atomkraftwerke (AKW) zumindest vorübergehend abzuschalten. Die Reaktoren Biblis A, Neckarwestheim 1 und Isar 1 sollen endgültig vom Netz gehen, möglicherweise auch die norddeutschen Meiler Brunsbüttel und Krümmel. Dazu kommt die Laufzeitverlängerung für die AKW auf den Prüfstand. Sie wurde im Rahmen des neuen Energiekonzepts der Bundesregierung gerade vor einem halben Jahr beschlossen und sah eine Verlängerung der AKW-Betriebszeit von bis zu 14 Jahren vor. Damit würden die letzten Meiler erst 2040 stillgelegt.

Ausstieg jetzt!
Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle nannte das Energiekonzept eine „epochale Leistung“, und Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, die Atomkraft als Brückentechnologie, die hin zur Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien führen solle, sei „verantwortbar und vertretbar“. Doch seit der Katastrophe in Japan ist es, um im Bild zu bleiben, die wohl kürzeste Brücke der Welt. Das Energiekonzept ist Makulatur, denn nun überbieten sich Politiker und Parteien mit Forderungen nach einem früheren Ende der Atomkraft. Möglicherweise setzen sie die 2001 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung mit der Atomwirtschaft getroffene Ausstiegsvereinbarung wieder in Kraft, die das Abschalten des letzten Reaktors für 2021 vorsah. Darüber sollen nun zwei Arbeitskreise befinden, darunter eine unter anderem mit zwei Bischöfen besetzte Ethik-Kommission (warum fällt den Regierenden die Frage nach einer ethischen Vertretbarkeit der Kernkraft eigentlich erst jetzt ein, rund 40 Jahre nach dem Beginn des Atomzeitalters, wenn nicht aus taktischen Gründen? Denn der AKW-Weiterbetrieb ist ein technisches und kein theologisches Problem). Die Grünen gehen noch weiter: Sie streben den Ausstieg bereits für 2017 an – sofern die erneuerbaren Energien bis dahin ausreichend Strom liefern.

Das aber ist die für den Umbau des Energiesystems entscheidende Frage. Das Ziel, bis etwa 2050 vollständig auf erneuerbare Quellen umzusteigen, ist zwar Konsens. Die wie sich der Strommix bis dahin gestaltet, ist heftig umstritten. Im vergangenen Jahr betrug die deutsche Bruttostromerzeugung nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 621 Terawattstunden (TWh; 1 TWh = 1 Milliarde Kilowattstunden). Die AKW steuerten 140,5 TWh bei, das entspricht einem Anteil von knapp 23 Prozent. Wie lässt sich diese Menge ersetzen, ohne dass die Lichter ausgehen? Schon warnen Strombosse, das Abschalten gerade der süddeutschen Meiler gefährde die Netzstabilität, weil die Kapazitäten im Süden wegfallen, doch Leitungen fehlen, die den im Norden produzierten Windstrom dorthin transportieren.

Der Umbau des Energiesystems

Würden in Deutschland aber nicht ausreichend neue Kohlekraftwerke gebaut, gebe es bald eine Stromlücke, barmte die Deutsche Energie-Agentur Dena bereits 2008. Ab 2015 soll sie etwa 2800 Megawatt betragen, das entspricht drei bis vier Großkraftwerken. Bis 2020 soll sie auf etwa 12 000 Megawatt anwachsen. Andere Experten widersprachen. Die Umweltorganisation Greenpeace etwa erklärte anhand einer eigenen Studie, die von der Dena prognostizierte Stromlücke sei ein Märchen. Schon heute gebe es im deutschen Kraftwerkspark erhebliche Überkapazitäten, zudem habe die Dena nicht die zu erwartenden Effizienzsteigerungen bei der Stromnutzung berücksichtigt.

Die Debatte zeigt, welche Auseinandersetzungen über den Umbau des Energiesystems uns jetzt bevorstehen. Die Hauptrolle werden so oder so aber die erneuerbaren Energien spielen. Heute liefern sie 102,3 TWh, was einem Anteil von 16,5 Prozent an der deutschen Stromerzeugung entspricht. Bis zur Jahrhundertmitte sollen sie aber die Vollversorgung übernehmen. Bis dahin könnte der Strombedarf einer Studie des Umweltbundesamts (UBA) vom Juli 2010 zufolge durch Einsparmaßnahmen und Effizienzsteigerungen, aber auch, weil die deutsche Bevölkerung bis 2050 voraussichtlich um zehn Millionen Einwohner abnimmt, auf knapp 469 TWh sinken. Das technisch machbare wie ökologisch vertretbare Potenzial aller erneuerbaren Energiequellen – also Solar- und Windkraft, Biomasse sowie Geothermie – beträgt laut UBA aber 705 TWh. Der Bedarf sollte sich folglich leicht decken lassen. „Eine vollständig auf erneuerbaren Energien beruhende Stromerzeugung im Jahr 2050 ist in Deutschland als hoch entwickeltes Industrieland mit heutigem Lebensstil, Konsum und Verhaltensmuster technisch möglich“, versichern die Autoren.

Hoffnung aus der Erdkruste
Neben der UBA-Studie zeigen noch andere Analysen auf, wie eine Vollversorgung aus regenerativen Quellen bis 2050 gelingen könnte. Ein mögliches Szenario entwickelt Greenpeace iEin Energieträger, der in jüngster Zeit in den Vordergrund trat, dürfte die Chancen für eine solche Entwicklung deutlich erhöhen: das so genannte Schiefergas. Global ruhen schätzungsweise 456 Billionen Kubikmeter davon in der Erde, gegenüber 187 Billionen Kubikmeter an konventionellem Erdgas. Diese Zahlen nennt der in London ansässige Weltenergierat. Über 60 Prozent der Lagerstätten liegen in den USA und Russland. Doch rund über fünf Prozent der Weltreserven, was knapp 23 Billionen Kubikmetern entspricht, verfügt Europa. Das unkonventionelle Gas entsteht hauptsächlich in Schiefergestein und lagert in besonders kleinporigen Schichten. Erst seit kurzen gibt es die Techniken, es aus dem Boden zu holen. In Polen, Schweden und Deutschland hat die Exploration bereits begonnen. In den USA wuchs die geförderte Menge innerhalb weniger Jahre so stark, dass das Land vom Erdgasimporteur zum -exporteur wurden. Es dient zunehmend auch als Treibstoff für Autos. Zudem ergänzen sich Wind- und Solarkraftwerke mit Schiefergas-Turbinen bestens, denn diese lassen sich schnell hoch- und herunterfahren und können so die schwankende Stromproduktion aus Wind und Sonne gut kompensieren.
Dies ist aus heutiger Sicht das Hauptproblem der Solar- und Windkraft, die als wichtigste Säulen der künftigen Energieversorgung gelten. Bei Nacht und Flaute gehen ihre Erträge teilweise gegen null. Dann müssen konventionelle Reservekraftwerke zugeschaltet werden. Weht aber an sonnigen Tagen eine kräftige Brise, liefern Solar- und Windparks oft mehr Strom, als aktuell gebraucht wird. An manchen Herbsttagen erzeugen allein die Windgeneratoren mehr Strom als sämtliche AKW. Weil diese aber nicht beliebig herunter- und wieder heraus werden können, regeln die Stromversorger stattdessen die Windräder ab. Auch die Einspeisung aus Solarmodulen übersteigt an langen Sonnentagen häufig den aktuellen Strombedarf im Netz. So lässt sich die künftige Stromversorgung natürlich nicht gestalten.


Drei mögliche Szenarien

Neben Erzeugung von Ökostrom, Entwicklung von modernen Speichertechnologien nebst einer gewaltigen Steigerung der Energieeffizienz muss außerdem die Lenkung des Verbrauchs treten, um die Lastkurven zu glätten und so Spitzen zu vermeiden. Dazu entwickeln Forschungsinstitute und Energieunternehmen das „intelligente Netz“. Es ist ein Internet der Energie, das alle Systemkomponenten vernetzen soll – Erzeuger, Verbraucher, Speicher und das Stromnetz.

Die Technologien, die für eine Vollversorgung aus erneuerbaren Quellen unabdingbar sind, reifen also heran. Die Struktur der künftigen Energieversorgung ist indes noch unklar. In seiner Studie beleuchtet das UBA drei Szenarien, die miteinander im Wettbewerb stehen. Das erste ist das des Regionenverbunds: Alle deutschen Regionen nutzen ihre Potentiale der erneuerbaren Energien weitgehend aus. Strom wird bundesweit ausgetauscht und nur zu einem geringen Anteil aus Nachbarstaaten importiert.

Das zweite Szenario nennt das UBA „International-Großtechnik“: Die Stromversorgung Deutschlands und Europas kommt aus großen, europaweit verteilten Stromerzeugungsanlagen auf Basis der erneuerbaren Energien in einem interkontinentalen Stromverbund. Ein Großteil des deutschen Stroms wird aus Nachbarstaaten importiert. Dazu dient das von der EU verfolgte Konzept eines Verbundes, der neben europäischen Ländern auch Regionen in Nordafrika und Nahost umfasst. Als erste Stufe dieses „Supernetzes“ planen neun Anrainerstaaten – Benelux, Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Norwegen – ein Netz aus Hochspannungs-Unterseekabeln in der Nordsee. Es soll Windparks auf hoher See mit Wasserkraftwerken in Norwegen, Gezeitenkraftwerken an der belgischen und dänischen Küste sowie Wind- und Solaranlagen auf dem europäischen Festland verbinden. Später ließe es sich noch um jenen Verbund ergänzen, den die Industrieinitiative „Desertec“ plant. In den Wüsten Nordafrikas sowie in Nahoststaaten sollen solarthermische Kraftwerke und an Küstenstandorten große Windräder entstehen, die bis 2050 rund 15 Prozent des in Europa benötigten Stroms liefern.
Lücke im Süden
Diesen von der Stromwirtschaft wegen ihrer zentralen Strukturen wohl bevorzugten Szenarien steht das dritte Szenario „Lokal-Autark“ gegenüber. Darin werden Klein-Blockheizkraftwerke in den Kellern von Wohnhäusern, Solaranlagen auf den Dächern, lokale und regionale Windgeneratoren sowie kleine, mit Biogas befeuerte Regelkraftwerke zu Netzen verbunden, die einzelne Gemeinden oder Stadtviertel versorgen. Wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft jüngst errechnete, kostet der Bau der dafür erforderlichen 380 000 Kilometer zusätzlicher Leitungen in den Verteilnetzen 27 Milliarden Euro. Doch auch für die anderen Szenarien werden viele neue Stromtrassen gebraucht. So kommt die „Netzstudie II“ der Dena zu dem Ergebnis, dass bis 2020 für 9,7 Milliarden Euro 380-Kilovolt-Leitungen von 3600 Kilometer Gesamtlänge neu gebaut werden müssten. Sie sollen insbesondere den Windstrom, der von Offshore-Anlagen in Nord- und Ostsee erzeugt wird, zu den Verbrauchern im Süden bringen.



 Steigende Kosten, sich wandelnde Landschaften


 Für diese letzte Variante stritt insbesondere der unlängst verstorbene SPD-Politiker und Solarvorkämpfer Hermann Scheer. Durch den Übergang vom konventionellen Energiesystems zu den Erneuerbaren sei „ein Konflikt vorprogrammiert, der in der modernen Energieversorgung einmalig ist“. schrieb er in seinem Buch „Der energethische Imperativ“. Wohl wahr. Denn der Umbau wird nicht nur das Energiesystem, sondern auch unser Land in nie dagewesener Weise transformieren. Solarparks werden in steigender Zahl auf Freiflächen glänzen, Dächer und Fassaden sind von Sonnenzellen bedeckt, in Tälern werden Speicherseen angelegt, und Windrotoren drehen sich an allen geeigneten Standorten an Land und auf See.

Teures Bier
Weil auch Biogas ein tragender Bestandteil des Energiemix der Zukunft ist, bedecken riesige Monokulturen von Energiepflanzen die Felder. Ihr Anbau, fürchten Experten, gehe zu Lasten von Nutzpflanzen, deshalb drohen deftige Preiserhöhungen bei Lebensmitteln. Beim Bier ist dies bereits eingetreten. Nach Angaben des Verbands der Privaten Brauereien Bayerns stieg der Preis von aus Gerste hergestelltem Braumalz 2010 um 50 Prozent, weil der subventionierte Anbau von Mais für Biogasanlagen zu Lasten der Gersteflächen den Bauern mehr Geld einbringt. Natur- und Landschaftsschützer laufen schon heute gegen solche Entwicklungen Sturm. Es ist aber der Preis für den schnellen Ausstieg aus der Kernkraft und Kohleverstromung, den wir zahlen und letztendlich auch akzeptieren müssen.

Sonntag, 6. März 2011

Parasitäre Pilze mit Zombie-Effekt

Parasitäre Pilze mit Zombie-Effekt

Die Pilze der Gattung Ophiocordyceps dringen in den Körper von Ameisen ein und machen sie zu willenlosen Zombies. Forscher haben vier neue Arten dieser „Körperfresser“ im brasilianischen Regenwald entdeckt.

Der Pilz Orphyocordyceps unilateralis verwandelt in asiatischen Regelwäldern Ameisen in willenlose Zombies. Die Sporen keimen auf dem Panzer der Insekten, dann dringen die Pilzhyphen in ihr Opfer ein. Zwei Handbreit über dem Boden suchen sich die Ameisen ein Blatt an der Nordseite des Baums. An seiner Unterseite verbeißen sich an einer der großen Blattvenen. Dann sterben sie.



Es erinnert an ein Szenario aus einem Science-Fiction-Film: In den Tropen existieren parasitäre Pilze, die aus Ameisen willenlose Zombies machen. Pilzsporen gelangen durch den Wind auf den Panzer einer Tischlerameise. Dort keimen sie, die Pilzhyphen dringen in die Körper der Insekten ein und programmieren sie sozusagen um.

Die Ameise torkelt desorientiert umher, steigt aus ihrem Nest im Wipfel der Bäume hinunter und beißt sich nahe am Boden schließlich an einer Blattvene fest. Dort herrschen ideale Lebensbedingungen für den Pilz. Die Ameise stirbt. Kurze Zeit später wächst aus ihrem Kopf ein Pilzfaden. Dieser bildet einen Fruchtkörper, der wiederum Sporen freisetzen.

Komplexes Beziehungsgeflecht
Den Mechanismus hinter diesem bizarren und faszinierenden Vorgang hatte David P. Hughes von der Harvard Universität 2009 für die Art Orphycordyceps unilateralis analysiert. Wahrscheinlich existiert dieser Parasitismus bereits seit Jahrmillionen Jahren, vermuten Forscher der Universitäten Bonn, Harvard und des Smithsonian Instituts aufgrund fossiler Funde.

In der Online-Ausgabe des Fachmagazins „PLoSOne“ stellen Wissenschaftler nun vier neu entdeckte Arten des Pilzes vor. Alle neuen Arten wurden im brasilianischen Regenwald entdeckt.


Die Forscher weisen darauf hin, dass jede Pilzart sich wiederum auf eine Ameisenart spezialisiert hat. Der Vorgang, in die Ameisen einzudringen, sie zu manipulieren und schließlich zu töten, um wieder neue Fruchtkörper zu bilden, ist hochkomplex. Um eine Infektion der Ameisen zu gewährleisten, seien vielfältige Anpassungen der Pilze und die Ausbildung unterschiedlicher Sporentypen notwendig. Noch sei nicht genügend darüber bekannt, welche Auswirkungen der Rückgang der Artenvielfalt auf diese parasitäre Dynamik haben wird.

Prinz Augusts verbotene Liebe

Prinz Augusts verbotene Liebe

Prinz August von Preußen


Bei der Suche nach ihren Familienwurzeln stößt die Deutsch-Britin Eve Haas auf Intrigen am preußischen Hof, eine tragische Liebe und ihre Verwandtschaft mit der britischen Königin.
Ein bisschen gebeugt ist Eve Haas, als sie am Arm ihres Sohnes zum Interview erscheint, aber Augen und Stimme der Buchautorin lassen nichts von ihren 86 Jahren ahnen. Die gebürtige Berlinerin lebt im Nord-Londoner Stadtviertel Highgate, ihr Vater Hans Jaretzki war ein bekannter Architekt, der seine Familie noch vor dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland retten konnte.

Eve Haas war 16, als er sie in ein lange gehütetes Familiengeheimnis einweiht, das sie mehr als sechs Jahrzehnte nicht mehr loslassen sollte. Die Lösung des Rätsels führt sie auf eine lange Reise in die Vergangenheit, die sich als ein abenteuerliches Unterfangen gestaltet und historisch so interessant ist, dass die Deutsch-Britin ihre spannende Suche jetzt in dem Roman „Das Geheimnis des Notizbuchs“ zusammengefasst hat.

Geheimnisvolles Notizbuch
Nach einem nächtlichen Luftangriff legte Hans Jaretzki 1940 seiner Tochter ein sehr altes, ledergebundenes Notizbuch in die Hand: „Die schöne Besitzerin dieses Buches ist mir kostbarer als mein eigenes Leben – August, Dein Beschützer“, lautete die Widmung in dem schmalen Band.

Die Besitzerin hieß Charlotte Gottschalk, Eves Urgroßmutter. Sie war, sagt Jaretzki, die Tochter von Prinz August von Preußen und Emilie Gottschalk, einer jüdischen Schneiderstochter. Mehr weiß der Vater allerdings nicht zu erzählen und ermahnt Eve Haas, keinesfalls weitere Fragen zu stellen.

Stammte sie tatsächlich vom preußischen Hochadel ab? „Mein Vater meinte, die Sache ließe sich nicht beweisen. Wir könnten uns nur lächerlich machen“, erinnert sich Eve Haas. Natürlich hatte er damit erst recht die Neugier des Teenagers geweckt.

Adelsexperten bestätigen Echtheit der Widmung
Das Familienandenken verschwindet in einem Sekretär, es gibt wichtigere Dinge, die eine Emigrantenfamilie inmitten des Zweiten Weltkrieges zu bedenken hat. Zum Beispiel, was aus Anna, der geliebten Großmutter geworden ist, die in Prag zurückblieb und womöglich in die Hände der Nazis geraten war.

Eve Haas lässt die Sache auf sich beruhen, heiratet einen deutschen Emigranten und zieht drei Söhne groß. Sie arbeitet in einer Galerie, erledigt die Bestellungen von Queen Mary und schreibt für ein Lokalblatt. Erst als Vater und Mutter gestorben sind, begibt sie sich schließlich doch auf Ahnenforschung.

Anfang der 70er Jahre legt sie das wohl gehütete Notizbüchlein zunächst den Adelsexperten von Burke´s Peerage vor. Als sie bestätigen, dass die Widmung tatsächlich vom Neffen Friedrichs des Großen stammt, kann Eve Haas nichts mehr von ihrer persönlichen Mission abhalten. „Ich war geradezu besessen davon, das Geheimnis um meine Abstammung zu lösen“, so die alte Dame. Geradezu unglaublich schien den Historikern die Vermutung, dass ein schneidiger Hohenzollern-Prinz eine jüdische Handwerkerstochter geheiratet haben soll. Sie drängen Eve Haas weiter zu suchen.

Riskante Suche im DDR-Archiv

Eve Haas vor dem Schloss Bellevue


Nachdem eine Reise ins Zentralarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin Dahlem kein Ergebnis bringt, überredet sie ihren Mann Ken zu einem Besuch des DDR-Archivs Merseburg. “Der britische Konsul warnte uns, dass er im Falle einer Festnahme nichts für uns tun könne”, erinnert sich die 86-Jährige mit einem schalkhaften Lächeln im Gesicht.

Von da an liest sich die Beschreibung ihrer Recherchen wie ein Spionagekrimi. Was Historikern Jahrzehnte lang verweigert wurde, gelingt Eve Haas mit Hartnäckigkeit, Charme und viel Glück. Die ostdeutschen Behörden erlauben ihr (in der Hoffnung ihren Mann als Spion zu gewinnen), Dokumente zu sichten, die vermutlich seit mehr als hundert Jahren niemand mehr in Händen hielt.

Hinter dem Eisernen Vorhang entdeckt sie, dass ihre Ururgroßmutter weder Gottschalk hieß, noch eine jüdische Schneiderstochter war. Emilie stammte in Wahrheit aus einer polnischen Adelsfamilie und hatte August, den schwerreichen Helden der napoleonischen Kriege, 1832 bei einem Ball kennen gelernt. Der Prinz, damals bereits über 50 und ein Lebemann, verliebte sich in das 15-jährige Mädchen und heiratete sie. Allerdings ohne die Zustimmung des Königs, der ihm bereits lange zuvor eine schwerwiegende Unterschrift abverlangt hatte: Prinz August hatte sich verpflichtet, keine legitimen Nachfahren zu hinterlassen. So war sicher gestellt, dass das Vermögen Augusts nach seinem Tod an die Krone zurückfiel.

Verhängnisvolles Familiengeheimnis
Emilie von Ostrowskas blaues Blut wurde am Ende nicht nur ihr zum Verhängnis. Bei Hof trachtete man der jungen Frau nach dem Leben – aus Furcht, mögliche Nachkommen könnten doch noch Anspruch auf den Reichtum Augusts anmelden.

Um Charlotte, das einzige Kind aus der Verbindung mit Emilie, zu schützen, registriert der Prinz die Tochter unter dem Namen Gottschalk. Als er 1843 überraschend stirbt, verweigert der preußische König der Witwe jegliche Anerkennung. Emilie sieht sich gezwungen, ihre fünfjährige Tochter wegzugeben, diesmal wirklich in die Obhut Gottschalks, des jüdischen Schneiders des Prinzen.

Der Kontakt zur Mutter bricht ab und die wahre Herkunft des Mädchens entwickelt sich zum verhängnisvollen Familiengeheimnis: Knapp hundert Jahre nach dem Tod des Prinzen, stirbt Anna, die Tochter Charlottes und Eves geliebte Großmutter als vermeintliche Jüdin im KZ Theresienstadt.

“Ich wollte meinen Vorfahrinnen Emilie, Charlotte und Anna ihre Identität zurückgeben”, erklärt Eve Haas ihre Suche und freut sich, dass der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler sie vor ein paar Jahren nach Schloss Bellevue, in das frühere Zuhause Augusts, einlud. Aber dass die britische Queen, mit der sie über George I entfernt verwandt ist, um ein Exemplar ihres Buches bat, freut Eve Haas vielleicht noch mehr.