Mittwoch, 30. März 2011

Titelgelüste, Puppen und Bedenken

Titelgelüste, Puppen und Bedenken

Bundestrainerin Silvia Neid

Selbstbewusst geht das DFB-Team die Titelverteidigung bei der Heim-WM an. Sportlich gut gerüstet, dämpft nur der übermächtige Schatten des Sommermärchens der Herren die Euphorie.

17. Juli 2011, Commerzbank-Arena: Spielführerin Birgit Prinz reckt unter dem Jubel von knapp 50 000 Fans freudestrahlend die Trophäe der Frauen Fußball WM in den lauwarmen Frankfurter Nachthimmel. DFB-Präsident Theo Zwanziger herzt Bundestrainerin Silvia Neid, bedankt sich für tolle Spiele und feiert mit Torhüterin Nadine Angerer, Kerstin Gareferkes und Co. den dritten schwarz-rot-goldenen WM-Titel in Serie. Der Prosecco fließt in Strömen, jede WM-Amazone wird künftig als Barbie-Puppe vertrieben. Die Massen singen und tanzen auf der Straße. Das Motto „20Elf von seiner schönsten Seite!“ ist soeben Realität geworden.

Soweit der Plan. Der ist zwar ambitioniert, aber keineswegs unrealistisch. Denn alles andere als die Titelverteidigung als Ziel der ersten Heim-WM auszugeben, wäre Understatement. Immerhin schickt die Welttrainerin des Jahres 2010, Silvia Neid, die „Mannschaft des Jahres“ 2010 ins Rennen. „Wir“ sind amtierender Europameister. Der Triumph in Norwegen 2009 war dabei der fünfte EM-Titel in Folge. „Wir“ sind auch amtierender Weltmeister – und zwar durchgehend seit 2003. Vor vier Jahren in China kassierten die deutschen Mädels weder ein Gegentor noch eine Niederlage. Mit Mittelstürmerin Prinz haben wir neben der Brasilianerin Marta die beste Fußballerin auf Erden in den eigenen Reihen. Auf den Punkt brachte es Erfolgstrainerin Neid: „Wir sind der Favorit.“

Frauen sorgen für Titel, Männer für Stimmung

Trotz des höchstmöglichen eigenen Anspruchs möchte Team Deutschland aber ohne besonderen Druck ab 26. Juni ins Turnier gehen und dort „Spaß haben“ (Neid). Apropos Spaß: Großes Vorbild ist da natürlich die Heim-WM der Männer 2006, die als Sommermärchen in die Fußball-Geschichte einging (obwohl sportlich lediglich der dritte Rang heraussprang). Mit Freude im Herzen erinnert man sich hierzulande an diesen genialen Sommer mit ausgelassener Partystimmung beim Public Viewing, deutschen Flaggen, viel Sonne und der Welt zu Gast bei Freunden.

Genau hier tritt ausgerechnet Frauenfußball-Fan Zwanziger auf die Euphorie-Bremse: „Keiner darf am Ende enttäuscht sein, wenn nicht erneut Tausende von Besuchern auf die Public-Viewing-Plätze wie zum Beispiel am Brandenburger Tor strömen“, warnte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die geringere Anzahl an Teilnehmern und Spielstätten und die vermutlich ausbleibenden Fan-Stimmungskanonen aus England oder den Niederlanden sieht Zwanziger problematisch. Neben dem WM-Titel wünscht sich Zwanziger vor allem volle Stadien und „Respekt und Anerkennung für die Leistungsfähigkeit der Frauen.“ Organisationskomitee-Präsidentin Steffi Jones erhofft sich einen Quantensprung für den Frauenfußball.

Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), jetzt Verteidigungsminister, gelobte im Vorfeld, dass es von ihm keinerlei Witze mehr über Frauenfußball geben werde. Ein erster Schritt zu einem besseren Image der Sportart ist also schon gemacht. Den konservativen Rest der Fußballszene kann die deutsche Nationalelf vielleicht durch Leistung noch überzeugen. Stark genug sollte der Kader dafür sein.

Legenden und Newcomerinnen

Angeführt von Galionsfigur Prinz, die bereits ihre fünfte WM spielt, den Veteranen Ariane Hingst, Kerstin Garefrekes und Inka Grings hat Bundestrainerin Neid eine schlagkräftige Truppe nominiert, in der vermutlich auch einige Newcomerinnen aus dem U20-Weltmeisterteam ihre Chance erhalten werden.

Bis zum Eröffnungsspiel in Berlin mutet sich die DFB-Auswahl noch ein gut gefülltes Programm zu. Nach sieben mehrtägigen Lehrgängen und vier Testspielen (gegen Nordkorea, Italien, Holland und Norwegen) wird noch einmal ausgesiebt. Neids schwierige Aufgabe: Aus 26 starken Spielerinnen fünf streichen. Am 21. Juni versammeln sich die Weltmeisterinnen dann in der Hauptstadt zur Mission Titelverteidigung. Die Vorrundengegner lauten Kanada, Nigeria und Frankreich. Das Traumfinale wäre Deutschland gegen Brasilien. Der Phantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Gedanklicher Flug in die Zukunft
2015, WM-Finale in Kanada: Spielführerin Dzsenifer Marozsan reckt den Pokal in die lauwarme Nacht. Der Rekordweltmeister von Bundestrainerin Birgit Prinz hat zum vierten Mal in Serie den Titel …

Friedrichs Fehlstart

Friedrichs Fehlstart

CSU-Minister Friedrich: "Mit Unerfahrenheit geglänzt"

Muslimische Teilnehmer sind empört über die neue Linie, die Innenminister Hans-Peter Friedrich der Islamkonferenz verpasst hat, die Opposition ruft zum Boykott auf. Der CSU-Politiker droht zum Gefangenen seines eigenen Kalküls zu werden. 

Berlin - Auf der Agenda von Innenminister Hans-Peter Friedrich stehen Aufgaben wie die innere Sicherheit, die Bekämpfung von Extremismus.

Aber nur wenige Wochen nach seinem Antritt überlagert ein anderes Thema die öffentliche Wahrnehmung des CSU-Politikers. Nach seiner Äußerung, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre,


erntet der neue Minister bereits zum zweiten Mal Empörung. Die Islamkonferenz am Dienstag, die seinen Vorgängern vor allem schöne Bilder bescherte, geriet zum Fehlstart für Friedrichs Amtszeit.Es hagelt Kritik: Er fördere mit seinem Plan nach einer Sicherheitspartnerschaft zwischen Muslimen und Staat "eine sehr bedenkliche Kultur des Denunziantentums unter den Muslimen", wütet die Islamwissenschaftlerin Omerika. Die SPD-Politikerin Aydan Özoguz, deren Partei in der großen Koalition maßgeblich an dem Projekt beteiligt war, fordert die muslimischen Teilnehmer am Mittwoch auf, die Konferenz künftig zu boykottieren. Friedrich sei eine "absolute Fehlbesetzung".

"Es hinterlässt Fragezeichen, wenn die in der Konferenz vertretenen Muslime offener für andere Religionen wirken als der amtierende Innenminister", so Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erklärte, die Islamkonferenz müsse zur Chefsache werden und im Kanzleramt angesiedelt werden. Friedrich sei dabei, die Islamkonferenz "mit Karacho in den Sand zu setzen", so Grünen-Chef Cem Özdemir.

Aufregung überall - dabei ist Friedrichs neue Linie Parteikalkül. Das Feld Integration und Islam ist für die CSU ein Schlüssel, um weiter konservative Wählerschichten und Stammwähler an sich zu binden. Parteichef Horst Seehofer wettert gegen Zuwanderung aus "anderen Kulturkreisen", Bayerns Sozial- und Integrationsministerin Christine Haderthauer (CSU) fordert mehr Härte gegenüber Migranten. Die CSU schwingt die Sarrazin-Keule.

Der Oberfranke Friedrich gilt in seiner eigenen Partei als Liberaler - aber als Innenminister fühlt er sich der CSU und ihren Wählern verpflichtet. Friedrich setzt auf die Zustimmung der Millionen, weniger auf die von 16 muslimischen Teilnehmern auf der Islamkonferenz.

Aber der CSU-Mann hat offenkundig die Schärfe der Reaktionen unterschätzt. Wenn es bislang auf der Islamkonferenz Streit gab, dann vor allem zwischen den konservativen muslimischen Verbänden und dem Staat. Jetzt haben sich die muslimischen Einzelpersonen beinahe geschlossen in einer Erklärung gegen Friedrich gestellt.

Friedrich reagierte verunsichert. Er ist ist kein Haudrauf-Typ. Die muslimischen Teilnehmer fühlen sich in der deutschen Gesellschaft ohnehin häufig ausgegrenzt und benachteiligt - da erwarten sie vom neuen Innenminister mehr positive Ansprache, weniger unklares Taktieren.

 Was genau wird ihm vorgeworfen? Zum Beispiel habe Friedrich seine Äußerung, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre, auf der Sitzung von sich aus nicht angesprochen - viele Teilnehmer seien deshalb fassungslos gewesen. "Sie starrten ihn ungläubig an", sagt der ägyptisch-stämmige Politologe Hamed Abdel-Samad, selbst Mitglied auf der Islamkonferenz. "Friedrich ging mit weniger Elan und Begeisterung in die Konferenz, als noch sein Vorgänger Thomas de Maizière, so Abdel-Samad zuu SPIEGEL ONLINE. "Friedrich hat mit Unerfahrenheit geglänzt", sagt Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Wütend sind viele auch deshalb, weil Friedrich seinen Plan von einer Sicherheitspartnerschaft vorab in der Presse verbreitete - Teilnehmer fühlten sich überrumpelt.


Einen Tag nach dem Eklat aber sind auch versöhnliche Stimmen zu hören - viele fürchten nämlich, dass die Konferenz endgültig scheitert. "Es ist im Interesse der Muslime, dass es dieses Dialogforum gibt", sagt Abdel-Samad: Die Islamkonferenz sei ein einzigartiges Kommunikationsforum in Deutschland. "Wo sonst sitzen liberale und konservative Muslime, Sunniten und Aleviten an einem Tisch? Die Muslime selbst haben es jedenfalls nicht geschafft, so einen Austausch zu organisieren." Die Boykottforderung der SPD sei deshalb fahrlässig.

Es diene nicht der Sache nach jeder heftigen Debatte zum Boykott aufzurufen, sagt Konferenz-Teilnahmer Ali Ertan Toprak von der liberalen Alevitischen Gemeinde der Nachrichtenagentur dapd. Ohnehin könnten die muslimischen Verbände sehr wohl für sich selbst eintreten, sagte er. "Es ärgert mich, dass SPD und Grüne immer meinen, sie müssten in unserem Namen sprechen." Toprak ist selbst Mitglied der Grünen.

Int. Fußball - Eine Leiche schaut Fußball

Int. Fußball - Eine Leiche schaut Fußball


Kolumbianische Fußballfans erfüllten einem ermordeten Kameraden den "letzten Wunsch" und schleppten den Leichnam samt Sarg mit ins Stadion. Unter den entsetzten Blicken der Zuschauer hob die Fangruppe "Barra del Indio" beim Heimspiel ihres Klubs Cúcuta gegen Envigado den braunen Sarg über die Köpfe.

Die Jugendlichen hätten die Leiche bei einem Bestattungsunternehmen gestohlen, berichtete die Zeitung "La Opinión".

Wie es ihnen gelang, den Sarg durch die angeblich strengen Sicherheitskontrollen in das Stadion "General Santander" in der Stadt Cúcuta zu schmuggeln, war zunächst unklar. Der örtliche Polizeichef, Oberst Álvaro Pico, sprach von einem "unglücklichen Vorfall".

Dem Klub des Toten brachte der makabere Stadionbesuch aber offenbar Glück: Kaum war der Sarg aufgetaucht, erzielte Cúcuta den Ausgleichstreffer zum 1:1-Endstand.


Kunstharz soll Strahlung binden

Kunstharz soll Strahlung binden

Fukushima werden immer neue Rekordwerte gemessen


Es ist die schiere Verzweiflung im Kampf gegen die Lecks im AKW Fukushima: Japans Regierung will die verstrahlten Trümmer mit Kunstharz besprühen lassen, um die Radioaktivität einzudämmen.

Dabei soll ein ferngesteuertes Fahrzeug zum Einsatz kommen, wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch meldete. Das Besprühen der Fukushima-Trümmer mit wasserlöslichem Kunstharz soll am Donnerstag beginnen. Die Harzschicht soll verhindern, dass der Küstenwind radioaktiv belasteten Staub fortträgt. Die Idee dahinter sei, die radioaktiven Partikel am Erdboden „festzukleben“. Die Methode soll zunächst in einem Teilbereich getestet werden.

Die Regierung überlegt außerdem, die Reaktoren mit Spezialgewebe abzudecken. Auf diese Weise könnten sich Arbeiter möglicherweise länger als bisher im Gefahrenbereich aufhalten. Um welches Gewebe es sich handeln könnte, sagte Regierungssprecher Yukio Edano nicht.

Als dritte Notmaßnahme ist im Gespräch, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Kraftwerk in ein Tankschiff auf dem Meer zu pumpen. Denn das kontaminierte Wasser in den Kellern von Fukushima konnte wegen fehlender Tanks bisher nur teilweise abgepumpt werden. Es gefährdet die Gesundheit der Techniker und Arbeiter, die die vier am schwersten beschädigten Reaktoren unter Kontrolle bringen sollen. Tepco-Vorstandschef Tsunehisa Katsumata räumte in Tokio ein, dass man noch kein genaues Konzept zur Bewältigung des Atomunfalls habe.

Radioaktivität erreicht neuen Rekordwert

Die Messwerte für radioaktives Jod-131 im Meerwasser vor Fukushima kletterten derweil nach Angaben des Fernsehsenders NHK auf einen Rekordwert. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEO riet Japan zur weiteren Evakuierung eines Ortes in der Nähe des zerstörten Atomkraftwerks.

Andere Fachleute sind dagegen uneins, ob die 20-Kilometer-Evakuierungszone vergrößert werden sollte. Die Umweltorganisation Greenpeace forderte nach eigenen Strahlenmessungen eine Ausweitung auf 40 Kilometer. Außerhalb der Sicherheitszone seien die Werte zum Teil höher als innerhalb. So zeigten Messungen in dem 40 Kilometer vom Kraftwerk entfernten 7000-Einwohner-Ort Iitate eine Strahlenbelastung von bis zu zehn Mikrosievert in der Stunde. Im Ort Tsushima seien bis zu 100 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden – nach Greenpeace-Angaben wurde dort die maximale Jahresdosis für Menschen in acht Stunden erreicht.

Der Chef des Instituts für Strahlenbiologie am Münchner Helmholtz-Zentrum geht dagegen davon aus, dass die 20-Kilometer-Evakuierungszone ausreicht. „Wenn die Werte nicht deutlich weiter steigen, hat man Zeit“, sagte Michael Atkinson. Doch bei den hoch belasteten Gebieten innerhalb der Evakuierungszone geht Atkinson davon aus, dass die nächsten 100 Jahre zumindest kein Gemüse mehr angebaut werden kann. „Da ist es fraglich, ob es überhaupt Sinn macht, zurückzukehren“, sagte der Wissenschaftler.

Tepco-Präsident im Krankenhaus

Die Arbeiter in Fukushima sind unterdessen zunehmend erschöpft. Auch bei ihnen wächst die Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden. Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung „Asahi Shinbun“. Die Arbeiter seien angesichts der endlosen Schwierigkeiten zunehmend nervöser. Ihnen fehlt es an Essen, Schlafgelegenheiten und Decken. Tepco versprach eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Während die Arbeiter gegen die Kernschmelze kämpfen, ist der seit mehr als zwei Wochen aus der Öffentlichkeit verschwundene Tepco-Präsident Masataka Shimizu nun arbeitsunfähig. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Nach Angaben von Kyodo litt Shimizu an Bluthochdruck und Schwindel. In Japan gab es seit Tagen Gerüchte, dass er sich wegen der Katastrophe das Leben genommen haben könnte oder ins Ausland geflohen sei.

Montag, 28. März 2011

Zukunft der Energie

Zukunft der Energie

Schneller als gedacht soll Deutschland seinen Energiebedarf ohne Atomkraft decken. So ist es politisch gewollt, doch ist es auch technisch möglich?

Die EU importiert etwa die Hälfte der benötigten Energie – Tendenz steigend


Jetzt also soll alles ganz schnell gehen. Kaum waren nach dem Tsunami in Japan über dem Atomkraftwerk Fukushima radioaktive Wolken aufgestiegen, begann in Deutschland die Debatte über die Kernkraft neu, und ruckzuck beschloss die Bundesregierung, die sieben ältesten Atomkraftwerke (AKW) zumindest vorübergehend abzuschalten. Die Reaktoren Biblis A, Neckarwestheim 1 und Isar 1 sollen endgültig vom Netz gehen, möglicherweise auch die norddeutschen Meiler Brunsbüttel und Krümmel. Dazu kommt die Laufzeitverlängerung für die AKW auf den Prüfstand. Sie wurde im Rahmen des neuen Energiekonzepts der Bundesregierung gerade vor einem halben Jahr beschlossen und sah eine Verlängerung der AKW-Betriebszeit von bis zu 14 Jahren vor. Damit würden die letzten Meiler erst 2040 stillgelegt.

Ausstieg jetzt!
Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle nannte das Energiekonzept eine „epochale Leistung“, und Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, die Atomkraft als Brückentechnologie, die hin zur Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien führen solle, sei „verantwortbar und vertretbar“. Doch seit der Katastrophe in Japan ist es, um im Bild zu bleiben, die wohl kürzeste Brücke der Welt. Das Energiekonzept ist Makulatur, denn nun überbieten sich Politiker und Parteien mit Forderungen nach einem früheren Ende der Atomkraft. Möglicherweise setzen sie die 2001 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung mit der Atomwirtschaft getroffene Ausstiegsvereinbarung wieder in Kraft, die das Abschalten des letzten Reaktors für 2021 vorsah. Darüber sollen nun zwei Arbeitskreise befinden, darunter eine unter anderem mit zwei Bischöfen besetzte Ethik-Kommission (warum fällt den Regierenden die Frage nach einer ethischen Vertretbarkeit der Kernkraft eigentlich erst jetzt ein, rund 40 Jahre nach dem Beginn des Atomzeitalters, wenn nicht aus taktischen Gründen? Denn der AKW-Weiterbetrieb ist ein technisches und kein theologisches Problem). Die Grünen gehen noch weiter: Sie streben den Ausstieg bereits für 2017 an – sofern die erneuerbaren Energien bis dahin ausreichend Strom liefern.

Das aber ist die für den Umbau des Energiesystems entscheidende Frage. Das Ziel, bis etwa 2050 vollständig auf erneuerbare Quellen umzusteigen, ist zwar Konsens. Die wie sich der Strommix bis dahin gestaltet, ist heftig umstritten. Im vergangenen Jahr betrug die deutsche Bruttostromerzeugung nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 621 Terawattstunden (TWh; 1 TWh = 1 Milliarde Kilowattstunden). Die AKW steuerten 140,5 TWh bei, das entspricht einem Anteil von knapp 23 Prozent. Wie lässt sich diese Menge ersetzen, ohne dass die Lichter ausgehen? Schon warnen Strombosse, das Abschalten gerade der süddeutschen Meiler gefährde die Netzstabilität, weil die Kapazitäten im Süden wegfallen, doch Leitungen fehlen, die den im Norden produzierten Windstrom dorthin transportieren.

Der Umbau des Energiesystems

Würden in Deutschland aber nicht ausreichend neue Kohlekraftwerke gebaut, gebe es bald eine Stromlücke, barmte die Deutsche Energie-Agentur Dena bereits 2008. Ab 2015 soll sie etwa 2800 Megawatt betragen, das entspricht drei bis vier Großkraftwerken. Bis 2020 soll sie auf etwa 12 000 Megawatt anwachsen. Andere Experten widersprachen. Die Umweltorganisation Greenpeace etwa erklärte anhand einer eigenen Studie, die von der Dena prognostizierte Stromlücke sei ein Märchen. Schon heute gebe es im deutschen Kraftwerkspark erhebliche Überkapazitäten, zudem habe die Dena nicht die zu erwartenden Effizienzsteigerungen bei der Stromnutzung berücksichtigt.

Die Debatte zeigt, welche Auseinandersetzungen über den Umbau des Energiesystems uns jetzt bevorstehen. Die Hauptrolle werden so oder so aber die erneuerbaren Energien spielen. Heute liefern sie 102,3 TWh, was einem Anteil von 16,5 Prozent an der deutschen Stromerzeugung entspricht. Bis zur Jahrhundertmitte sollen sie aber die Vollversorgung übernehmen. Bis dahin könnte der Strombedarf einer Studie des Umweltbundesamts (UBA) vom Juli 2010 zufolge durch Einsparmaßnahmen und Effizienzsteigerungen, aber auch, weil die deutsche Bevölkerung bis 2050 voraussichtlich um zehn Millionen Einwohner abnimmt, auf knapp 469 TWh sinken. Das technisch machbare wie ökologisch vertretbare Potenzial aller erneuerbaren Energiequellen – also Solar- und Windkraft, Biomasse sowie Geothermie – beträgt laut UBA aber 705 TWh. Der Bedarf sollte sich folglich leicht decken lassen. „Eine vollständig auf erneuerbaren Energien beruhende Stromerzeugung im Jahr 2050 ist in Deutschland als hoch entwickeltes Industrieland mit heutigem Lebensstil, Konsum und Verhaltensmuster technisch möglich“, versichern die Autoren.

Hoffnung aus der Erdkruste
Neben der UBA-Studie zeigen noch andere Analysen auf, wie eine Vollversorgung aus regenerativen Quellen bis 2050 gelingen könnte. Ein mögliches Szenario entwickelt Greenpeace iEin Energieträger, der in jüngster Zeit in den Vordergrund trat, dürfte die Chancen für eine solche Entwicklung deutlich erhöhen: das so genannte Schiefergas. Global ruhen schätzungsweise 456 Billionen Kubikmeter davon in der Erde, gegenüber 187 Billionen Kubikmeter an konventionellem Erdgas. Diese Zahlen nennt der in London ansässige Weltenergierat. Über 60 Prozent der Lagerstätten liegen in den USA und Russland. Doch rund über fünf Prozent der Weltreserven, was knapp 23 Billionen Kubikmetern entspricht, verfügt Europa. Das unkonventionelle Gas entsteht hauptsächlich in Schiefergestein und lagert in besonders kleinporigen Schichten. Erst seit kurzen gibt es die Techniken, es aus dem Boden zu holen. In Polen, Schweden und Deutschland hat die Exploration bereits begonnen. In den USA wuchs die geförderte Menge innerhalb weniger Jahre so stark, dass das Land vom Erdgasimporteur zum -exporteur wurden. Es dient zunehmend auch als Treibstoff für Autos. Zudem ergänzen sich Wind- und Solarkraftwerke mit Schiefergas-Turbinen bestens, denn diese lassen sich schnell hoch- und herunterfahren und können so die schwankende Stromproduktion aus Wind und Sonne gut kompensieren.
Dies ist aus heutiger Sicht das Hauptproblem der Solar- und Windkraft, die als wichtigste Säulen der künftigen Energieversorgung gelten. Bei Nacht und Flaute gehen ihre Erträge teilweise gegen null. Dann müssen konventionelle Reservekraftwerke zugeschaltet werden. Weht aber an sonnigen Tagen eine kräftige Brise, liefern Solar- und Windparks oft mehr Strom, als aktuell gebraucht wird. An manchen Herbsttagen erzeugen allein die Windgeneratoren mehr Strom als sämtliche AKW. Weil diese aber nicht beliebig herunter- und wieder heraus werden können, regeln die Stromversorger stattdessen die Windräder ab. Auch die Einspeisung aus Solarmodulen übersteigt an langen Sonnentagen häufig den aktuellen Strombedarf im Netz. So lässt sich die künftige Stromversorgung natürlich nicht gestalten.


Drei mögliche Szenarien

Neben Erzeugung von Ökostrom, Entwicklung von modernen Speichertechnologien nebst einer gewaltigen Steigerung der Energieeffizienz muss außerdem die Lenkung des Verbrauchs treten, um die Lastkurven zu glätten und so Spitzen zu vermeiden. Dazu entwickeln Forschungsinstitute und Energieunternehmen das „intelligente Netz“. Es ist ein Internet der Energie, das alle Systemkomponenten vernetzen soll – Erzeuger, Verbraucher, Speicher und das Stromnetz.

Die Technologien, die für eine Vollversorgung aus erneuerbaren Quellen unabdingbar sind, reifen also heran. Die Struktur der künftigen Energieversorgung ist indes noch unklar. In seiner Studie beleuchtet das UBA drei Szenarien, die miteinander im Wettbewerb stehen. Das erste ist das des Regionenverbunds: Alle deutschen Regionen nutzen ihre Potentiale der erneuerbaren Energien weitgehend aus. Strom wird bundesweit ausgetauscht und nur zu einem geringen Anteil aus Nachbarstaaten importiert.

Das zweite Szenario nennt das UBA „International-Großtechnik“: Die Stromversorgung Deutschlands und Europas kommt aus großen, europaweit verteilten Stromerzeugungsanlagen auf Basis der erneuerbaren Energien in einem interkontinentalen Stromverbund. Ein Großteil des deutschen Stroms wird aus Nachbarstaaten importiert. Dazu dient das von der EU verfolgte Konzept eines Verbundes, der neben europäischen Ländern auch Regionen in Nordafrika und Nahost umfasst. Als erste Stufe dieses „Supernetzes“ planen neun Anrainerstaaten – Benelux, Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Norwegen – ein Netz aus Hochspannungs-Unterseekabeln in der Nordsee. Es soll Windparks auf hoher See mit Wasserkraftwerken in Norwegen, Gezeitenkraftwerken an der belgischen und dänischen Küste sowie Wind- und Solaranlagen auf dem europäischen Festland verbinden. Später ließe es sich noch um jenen Verbund ergänzen, den die Industrieinitiative „Desertec“ plant. In den Wüsten Nordafrikas sowie in Nahoststaaten sollen solarthermische Kraftwerke und an Küstenstandorten große Windräder entstehen, die bis 2050 rund 15 Prozent des in Europa benötigten Stroms liefern.
Lücke im Süden
Diesen von der Stromwirtschaft wegen ihrer zentralen Strukturen wohl bevorzugten Szenarien steht das dritte Szenario „Lokal-Autark“ gegenüber. Darin werden Klein-Blockheizkraftwerke in den Kellern von Wohnhäusern, Solaranlagen auf den Dächern, lokale und regionale Windgeneratoren sowie kleine, mit Biogas befeuerte Regelkraftwerke zu Netzen verbunden, die einzelne Gemeinden oder Stadtviertel versorgen. Wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft jüngst errechnete, kostet der Bau der dafür erforderlichen 380 000 Kilometer zusätzlicher Leitungen in den Verteilnetzen 27 Milliarden Euro. Doch auch für die anderen Szenarien werden viele neue Stromtrassen gebraucht. So kommt die „Netzstudie II“ der Dena zu dem Ergebnis, dass bis 2020 für 9,7 Milliarden Euro 380-Kilovolt-Leitungen von 3600 Kilometer Gesamtlänge neu gebaut werden müssten. Sie sollen insbesondere den Windstrom, der von Offshore-Anlagen in Nord- und Ostsee erzeugt wird, zu den Verbrauchern im Süden bringen.



 Steigende Kosten, sich wandelnde Landschaften


 Für diese letzte Variante stritt insbesondere der unlängst verstorbene SPD-Politiker und Solarvorkämpfer Hermann Scheer. Durch den Übergang vom konventionellen Energiesystems zu den Erneuerbaren sei „ein Konflikt vorprogrammiert, der in der modernen Energieversorgung einmalig ist“. schrieb er in seinem Buch „Der energethische Imperativ“. Wohl wahr. Denn der Umbau wird nicht nur das Energiesystem, sondern auch unser Land in nie dagewesener Weise transformieren. Solarparks werden in steigender Zahl auf Freiflächen glänzen, Dächer und Fassaden sind von Sonnenzellen bedeckt, in Tälern werden Speicherseen angelegt, und Windrotoren drehen sich an allen geeigneten Standorten an Land und auf See.

Teures Bier
Weil auch Biogas ein tragender Bestandteil des Energiemix der Zukunft ist, bedecken riesige Monokulturen von Energiepflanzen die Felder. Ihr Anbau, fürchten Experten, gehe zu Lasten von Nutzpflanzen, deshalb drohen deftige Preiserhöhungen bei Lebensmitteln. Beim Bier ist dies bereits eingetreten. Nach Angaben des Verbands der Privaten Brauereien Bayerns stieg der Preis von aus Gerste hergestelltem Braumalz 2010 um 50 Prozent, weil der subventionierte Anbau von Mais für Biogasanlagen zu Lasten der Gersteflächen den Bauern mehr Geld einbringt. Natur- und Landschaftsschützer laufen schon heute gegen solche Entwicklungen Sturm. Es ist aber der Preis für den schnellen Ausstieg aus der Kernkraft und Kohleverstromung, den wir zahlen und letztendlich auch akzeptieren müssen.

Hübsch, klein, leicht ... Netbook

Hübsch, klein, leicht ... Netbook

Samsung lässt bei Netbooks nicht locker. Das NC210 soll dank geringem Gewicht und großzügiger Akkulaufzeit besonders mobil sein.

Samsung NC210


Der koreanische Hersteller Samsung war bei Netbooks nicht der Vorreiter, hat sich aber mit Modellen wie dem NC10 einen sehr guten Ruf erworben. Die Geräte wiesen stets eine sehr gute Akkulaufzeit auf und konnten mit einem matten Bildschirm punkten – Samsung hat schnell erkannt, dass man Netbooks nicht als Multimedia-Maschine, sondern zum Arbeiten anschafft. Und da stören dauernde Spiegelungen im Display.

An das Erfolgsrezept hält man sich auch beim aktuellen NC210. Das Netbook besitzt einen Sechs-Zellen-Akku, für den Samsung bis zu elf Stunden Laufzeit angibt. In der Realität kommt man bei eingeschaltetem WLAN und kaum gedimmtem Bildschirm dann doch eher auf gute sechs Stunden. Man muss dem NC210 aber zugute halten, dass sein Display von Haus aus schön hell leuchtet, man kann also durchaus auch mal etwas zurückschalten, wenn man nicht gerade im Freien arbeitet.

Pssst, wir arbeiten!
Dafür macht aber das Arbeiten mit dem NC210 durchaus Spaß. Die Tastatur nutzt den Platz optimal aus, die Finger treffen die Tasten gut und der Tastenhub ist bequem. Das Touchpad reagiert präzise, die Maustasten sind sauber getrennt und reagieren leicht, aber nicht zu leicht. Bei alltäglicher Büroarbeit säuselt der Lüfter nur leise – man kann ihn sogar ganz ausschalten, das nennt Samsung „Silent Mode“. In diesem Fall erreicht der Prozessor nur noch zwei Drittel seiner Leistung – was aber für die meisten Zwecke immer noch völlig reicht. Im günstigsten Fall kann man mit dem NC210 Filme in FullHD abspielen – nur ist es dann parallel kaum zu etwas anderem fähig.


Das NC210 ist zwar ein Werkzeug, steckt aber trotzdem in einer hübschen Hülle

In Sachen Hardware bietet das NC210 den derzeit üblichen Standard – „neumodisches Zeug“ wie HDMI oder USB 3.0 fehlt, dafür sind die bewährten Standards USB 2.0 und VGA an Bord. Zugeklappt sieht das NC210 besser aus als offen – das liegt am Aludekor des Deckels. Da es sich hier wirklich nur um Dekor handelt und das Gerät ansonsten aus Plastik besteht, erreicht es auch nur ein vergleichsweise geringes Gewicht.

Samstag, 26. März 2011

ATP Masters Miami - Murray raus, Djokovic überragend

ATP Masters Miami - Murray raus, Djokovic überragend

Die US-Hartplatzsaison läuft für Andy Murray bisher alles andere als gut. Auch in Miami musste sich der Brite früh verabschieden. Gegen den amerikanischen Qualifikanten Alex Bolgomolov verlor der Australian-Open-Finalist in zwei Sätzen mit 1:6 und 5:7. Besser machte es dagegen Novak Djokovic.




Der Serbe fegte Denis Istomin aus Usbekistan in nur 48 Minuten mit 6:0 und 6:1 vom Platz. Schon Djokovics Einlauf in die Arena war spektakulär. Mit schwarzer Sonnenbrille, Helm und einem schwarzen Stahlkoffer betrat die Nummer zwei der Welt in Miami den Platz - das Equipement trug er zuletzt bei einem Spot für einen seiner Ausrüster.

Außerdem war der Australian-Open-Sieger dieses Jahres ebenso wie sein Kontrahent mit einem roten T-Shirt und der japanischen Flagge auf der Brust bekleidet. Alle Damen und Herren traten an diesem Tag mit diesem Outfit auf die Plätze, gingen durch die Ränge auf den Tribünen und sammelten Spenden für die Not leidenden Menschen in Nippon ein.

Auf dem Court kannte Djokovic dann kein Mitleid. Seine Vorstellung war nahezu perfekt. Das erkannte der 23-Jährige, der in dieser Saison weiterhin ungeschlagen ist, auch selbst. "Die meisten meiner Schläge waren Winner, ich habe also nicht viele Fehler gemacht. Ich bin mental voll auf der Höhe und bereit für noch mehr Erfolg. Ich will immer auf diesem Level weiterspielen."

Murray völlig von der Rolle

Von einem besonders hohen Niveau kann Andy Murray derzeit nur träumen. Nach seinem Zweitrunden-Aus in Indian Wells gegen Donald Young, musste er sich in Miami zum selben Zeitpunkt des Turniers verabschieden. Der Schotte hatte gegen Bolgomolov vor allem mit seinem zweiten Service Probleme - er machte damit nur 33 Prozent der Punkte. Doch das war bei weitem nicht der einzige Schwachpunkt seines Spiels.

"Ich konnte in keinen Aspekt meines Spiels Konstanz bringen. Es lief einfach nichts zusammen", erklärte die Nummer fünf der Setzliste und ergänzte enttäuscht: "Wenn es ohnehin nicht so läuft, spielen alle Dinge gegen dich. Es fehlen einfach überall ein paar Zentimeter. Im Training fühle ich mich gut, aber ich kann das derzeit in den Partien nicht zeigen. Mein Spiel war fürchterlich."

Söderling glücklich, Raonic verliert

Besser lief es für Robin Söderling. Der Schwede, zuletzt mit seinen Ergebnissen und Leistungen oft unzufrieden, setzte sich in einem harten Match mit 3:6, 6:2, 6:4 gegen den Kroaten Ivan Dodig durch. Mitte des dritten Satzes sah es für den Favoriten aber überhaupt nicht gut aus. Dodig führte mit 4:2 und schien auf dem besten Weg zu seinem ersten Sieg gegen einen Spieler aus den Top Fünf der Weltrangliste.

Der French-Open-Finalist der vergangenen beiden Jahre fand aber zurück in seinen Rhythmus und gönnte seinem Gegenüber keinen Spielgewinn mehr. "Ich habe sicherlich nicht mein bestes Tennis gespielt, aber mit dem Sieg bin ich sehr glücklich. Ich werde morgen mit einem guten Gefühl aufwachen", erklärte der Sieger nach der Partie.

Einen Rückschlag auf dem Weg in die Weltspitze musste Milos Raonic hinnehmen. Der Kanadier verlor ein enges Match gegen den Inder Somdev Devvarman. Die Partie der beiden Aufsteiger des Jahres wogte mehrmals hin und her, letztlich konnte sich Devvarman, der auch schon in Indian Wells einen guten Eindruck gemacht hatte, aber mit 7:6 und 6:4 durchsetzen.