Sonntag, 10. April 2011

Amokläufer besaß fünf Waffenscheine

Amokläufer besaß fünf Waffenscheine



Einen Tag nach dem Amoklauf in der niederländischen Stadt Alphen aan den Rijn sind die Motive des Täters weiter unklar. Laut Staatsanwaltschaft war er im Schützenverein und besaß drei Waffen. Fünf Waffenscheine seien ihm ausgestellt worden. Die Mutter des Amokschützen fand einen Abschiedsbrief.

Amsterdam - Zeugen sagen, der 24-Jährige habe bereits auf dem Parkplatz einen Mann erschossen, dann sei er "äußerlich völlig ruhig" in das Einkaufszentrum gegangen und habe blindlings um sich geschossen. Viele Menschen seien in Panik und Todesangst geflohen.

Einen Tag nach dem Amoklauf blicken die Menschen in den Niederlanden fassungslos nach Alphen aan den Rijn rund 40 Kilometer südwestlich von Amsterdam.


Der Täter war Mitglied eines Schützenvereins. Laut Staatsanwaltschaft waren ihm in den vergangenen Jahren insgesamt fünf Waffenscheine ausgestellt worden. Er sei zuletzt im Besitz von drei Waffen gewesen. Er sei allerdings in der Vergangenheit schon wegen illegalen Waffenbesitzes mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Anklage sei aber fallengelassen worden.

Der Amokschütze hatte in einem Einkaufszentrum mit einer Maschinenpistole um sich gefeuert, sechs Menschen getötet und mehr als 15 verletzt, ehe er sich mit einem Kopfschuss das Leben nahm.


Polizei durchsuchte Einkaufszentren und Häuser nach Bomben

Die Polizei rätselt weiter über die Motive des Täters. Der 24-Jährige habe bei seiner Mutter einen Abschiedsbrief hinterlassen, darin aber nichts über seine Beweggründe mitgeteilt, sagte die ermittelnde Staatsanwältin Kitty Nooy.


 Im Auto des Amokschützen sei ein Brief mit Hinweisen zu angeblich in Einkaufszentren deponierten Bomben gefunden worden. Die Polizei ließ drei Einkaufszentren sowie die umliegenden Wohnungen in der rund 40 Kilometer südlich von Amsterdam gelegenen Region evakuieren. Bei Durchsuchungen der Shopping Center wurde jedoch kein Sprengstoff entdeckt. Die Anwohner konnten in der Nacht in ihre Häuser zurückkehren.


Bürgermeister Bass Eenhoorn hatte am Samstag auf einer Pressekonferenz gesagt, dass unter den Opfern auch Kinder seien. "Es wird alles getan, um Familien und Freunde in dieser Zeit so gut wie möglich zu betreuen." Er nannte den Amoklauf eine für Alphen beispiellose Katastrophe. Es sei einer der ersten schönen Tage des Jahres gewesen, und viele Familien mit Kindern seien zum Einkaufen dort gewesen. Es sei einfach unbegreiflich, sagte er.

Königin Beatrix und Ministerpräsident Mark Rutte sprachen den Opfern und ihren Familien ihr Beileid aus.

Warum die Erde nicht zur Ruhe kommt

Warum die Erde nicht zur Ruhe kommt

Ein Monitor zeigt eine Grafik des Epizentrums des juengsten schweren Nachbebens in Japan


Wieder erzitterte der Nordosten Japans. Ein schweres Nachbeben erschütterte östlich der Küstenstadt Sendai die Erde. Und es wird nicht das letzte sein.
Allein 262 Mal erzitterte die Erde in der Woche nach dem 11. März. Die Nachbeben hätten die Stärke 5 oder mehr gehabt, teilte das Meteorologische Institut in Japan mit. Nun ereignete sich am Donnerstag das bisher stärkste Nachbeben mit einer Magnitude von 7,4.

Experten des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) glauben, dass noch über Monate starke Beben auftreten werden. Dabei könnten die Erschütterungen eine Magnitude von 7 oder 8 erreichen, prognostizieren sie. „Man kann von der Faustregel ausgehen, dass die stärksten Nachbeben etwa eine Stufe kleiner sind als das Hauptbeben“, sagt Jochen Zschau vom GFZ. Genaue Vorhersagen über die Stärke sind aber nicht möglich. Bedroht ist die gesamte Region, die vom Hauptbeben im März erschüttert wurde, auch Randgebiete der Krisenregion sind betroffen.

Spannungsverlagerungen auf Nachbarsegmente
Der Grund für die Nachbeben: Durch das Brechen des Gesteins werden ungeheure Kräfte frei, die zu physikalischen Veränderungen entlang der Störungszone führen.

Vor der Küste Japans stoßen die pazifische und die eurasische Platte aufeinander. Die pazifische Platte schiebt sich unter die eurasische. Das Gestein verhakt sich, sodass die eurasische Platte von der pazifischen mit nach unten gezogen wird. Wird die Spannung zu groß, bricht das Gestein, die Oberfläche reißt auf. Das geschah am 11. März 2011. Die eurasische Platte schnellte wieder nach oben. Dadurch wurden riesige Wassermassen nach oben verdrängt – es entstand ein Tsunami.

Nun bilden sich neue Verhakungen im Erdmantel, erklärt Thomas Jahr vom Institut für Geowissenschaftlen der Universität Jena. Das gesamte Spannungsmuster verändert sich. An manchen Stellen kann das Gestein dem Druck der Verhakung nicht standhalten, es entstehen neue Brüche, die als Nachbeben zu spüren sind.

Die Spannung verlagert sich zum Teil auch auf die Nachbarsegmente, die dann ebenfalls brechen können. Nach dem Dezember-Erdbeben vor Sumatra 2004 mit der Magnitude 9,1 zum Beispiel folgte 2005 das Osterbeben auf dem nach Süden angrenzenden Segment, erklärt Birger Lühr vom GFZ. Dieses hatte die Magnitude 8,7. Auch auf das Izmit-Beben in der Türkei 1999 der Magnitude 7,1 folgte auf dem im Osten anschließenden Segment das Düzce Erdbeben vom 12. November mit einer Magnitude von 7,1.

„Noch nach Jahren wird sich die Aktivität in der Region nicht völlig beruhigt haben“, sagt Zschau. Die Gefahr eines großen Nachbebens allerdings „dürfte in etwa einem Jahr vorbei sein“.

Montag, 4. April 2011

Leichen, Triebwerke und Flügelteile

Leichen, Triebwerke und Flügelteile

Bei der Bergung des abgestürzten Airbusses haben Unterwasserroboter jetzt auch große Wrackteile und Leichen fotografieren können.



Mehr als 1000 Kilometer vor der Küste Brasiliens haben Tauchroboter auf dem Grund des Atlantiks die Absturzstelle des Todesflugs AF 447 entdeckt. Aus 4000 Metern Tiefe gibt es gestochen scharfe Bilder: vom Wrack und von Leichen.

Fast zwei Jahre nach dem Absturz eines Air-France-Flugzeugs über dem Atlantik mit 228 Toten nähren neue Funde die Hoffnung auf Aufklärung. Das Schiff „Alucia“ mit seinen Tauchrobotern habe sie in einem neuen Suchgebiet geortet, erklärte die französische Unfallermittlungsbehörde BEA. Der Air-France-Flug AF 447 hatte am 1. Juni 2009 in einer Katastrophe geendet.

Hoffnung auf Aufklärung
 
Frankreichs Verkehrsministerin Nathalie Kosciusko-Morizet sagte, auf dem Meeresgrund seien Leichen geortet worden und ein großer zusammenhängender Teil des Flugzeugs. „Identifizierungen sind möglich“, erklärte sie dem TV-Sender France-Info und dem Radiosender France-Inter.

Es gebe gute Hoffnung, die Datenrekorder zu finden, die Messwerte und Cockpitgespräche aufzeichnen, betonte ein Sprecher des Flugzeugherstellers Airbus. „Nur mit der Bergung und dem Auslesen der Flugdatenschreiber wird sich letztendlich die Unglücksursache bestimmen lassen.“ Entdeckt wurde das Wrack am vergangenen Sonntag, nachdem die bereits vierte Suchaktion nach dem Airbus endlich erfolgreich war.

Wrackteile sind gut erhalten
 
Die von den Tauchrobotern in 3000 bis 4000 Metern Tiefe fotografierten Wrackteile – Triebwerke und Flügeltrümmer – sind nach ersten Erkenntnissen gut erhalten. Sie liegen in einem Trümmerfeld dicht beieinander.

Eine Theorie zur Ursache des Absturzes führte die Katastrophe damals auf defekte Pitot-Sonden zur Geschwindigkeitsmessung zurück. Nach Ansicht der französischen Luftfahrtermittlungsbehörde BEA hätte deren Versagen allein jedoch kaum einen Absturz zur Folge haben können. Jetzt hofft Frankreich auf eine baldige Aufklärung der Flugzeug-Katastrophe.

Die erst vor wenigen Tagen begonnene vierte Suchaktion wird von Air France und Airbus mit insgesamt rund 9,2 Millionen Euro finanziert. Der zweistrahlige Airbus A330 war auf dem Weg von Rio nach Paris in einer Unwetterfront abgestürzt, nachdem die Geschwindigkeitsmesser und mehrere Geräte ausgefallen waren. 28 der 228 Opfer waren Deutsche.

Freitag, 1. April 2011

Tradition und Moderne. Die Katastrophe in Japan

Tradition und Moderne


Die Katastrophe in Japan



Schlange vor einem Supermarkt in Sendai

High Tech und Zen, Tempel und Mangas: Für Deutsche steckt Japan voller Widersprüche. Was bewegt Japaner – und macht sie auch in Krisen gelassen?

Der 11. März hat die Welt verändert – und zwar ganz real: Als um 14.46 Uhr Ortszeit in Japan die Erde zu beben begann, wurde die 230 500 Quadratkilometer große Hauptinsel Honshu durch die Gewalt der Stöße um 2,4 Meter verschoben. Die Erschütterungen waren sogar in einer seismografischen Messstation auf der Zugspitze noch deutlich zu registrieren, Geologen rechnen das Erdbeben zu den „fünf größten Ereignissen seit Menschengedenken“.

Dann kam der Tsunami. Eine Flutwelle von mehr als 20 Meter Höhe überschwemmte die Küsten, zerstörte alles, was sich ihrer Wucht in den Weg stellte, und riss Tausende von Menschen in den Tod. Die offizielle Statistik gibt das Leid nur oberflächlich wieder. Sie zählt rund 10 000 Todesopfer, von den 15 000 Vermissten dürfte kaum jemand je gefunden werden. Mehr als 23 000 Gebäude wurden zerstört, fast 2000 Straßen und 53 Brücken sind beschädigt, und eine Viertelmillion Menschen musste Zuflucht in Notunterkünften suchen.

Am folgenreichsten waren die Schäden am Kernkraftwerk Fukushima im Norden Japans. Die Kühlsysteme der Reaktoren fielen aus, radioaktive Strahlung wurde freigesetzt, es drohten Kernschmelze und Super-GAU. Ein Gebiet im Umkreis von 20 Kilometern rund um die Meiler musste evakuiert werden und bleibt auf absehbare Zeit unbewohnbar, Hunderttausende verloren Heimat und Habe. Der 200 Kilometer südlich von Fukushima gelegenen Hauptstadt Tokio – einer Region mit rund 35 Millionen Einwohnern – droht die radioaktive Verseuchung.

Und die Bevölkerung? Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe reagiert sie mit für europäische Begriffe außergewöhnlicher Disziplin. Im 10 000 Kilometer entfernten Deutschland kommt es zu Menschenketten und Demonstrationen, doch noch nicht einmal vor der Firmenzentrale vonTepco

dem Betreiber des Unglücksreaktors, formiert sich Protest. Während sich hierzulande Bürger ohne reale Bedrohung sorgen, ob sie noch Sushi essen können, und Jodtabletten bunkern, ist vor Ort von Hysterie und Panik nichts zu spüren. In Supermärkten und an Tankstellen kommt es zu Hamsterkäufen, aber Plünderungen oder Übergriffe? Fehlanzeige.

Woher diese Ruhe? Warum beispielsweise kein Massenexodus, trotz der bisher rund 260 Nachbeben der Stärke sechs und mehr? Zunächst aus ganz praktischen Gründen: „Wohin sollten die Menschen denn gehen?“, fragt Helmut Becker, der seit Langem als Professor für Wirtschaftspolitik an der renommierten Sofia-Universität in Tokio lehrt. „In einem Radius von 80 Kilometern um Fukushima leben zwei Millionen Menschen, nimmt man die Region um Tokio hinzu, sogar 40 Millionen. Für die gäbe es gar kein Fluchtziel.“ Daher handele die Regierung – auch unter Mithilfe der Medien – nach der Devise „so weit wie möglich abwiegeln“. Und für viele kommt eine Flucht schon aus finanziellen Erwägungen nicht in Frage.


Reisbauern-Gesellschaft


So gelangt radioaktive Strahlung in den Körper


Schuld und Scham


Gleichwohl sehen Japan-Kenner wie Becker auch tiefere Gründe für die japanische Gelassenheit, die in der Mentalität und Tradition wurzeln. Mehr als alles andere bestimmt das Leben in der Gemeinschaft Verhalten und Normen des Landes – und das seit vielen Jahrhunderten. Nicht zuletzt die lange Erfahrung mit Naturkatastrophen lehrte die Bevölkerung vor allem eines: Nur mit einer gemeinschaftlichen Anstrengung sind die Folgen zu bewältigen. Prägend war darüber hinaus auch das Leben in einer Agrargesellschaft, in der das Grundnahrungsmittel Reis nur von der Gruppe angebaut werden konnte. In einem solchen System wird enge Zusammenarbeit zur Überlebensfrage. Helmut Becker spricht denn auch von einer „Reisbauern-Gesellschaft“, deren Mentalität bis heute fortwirkt.


Mit weit reichenden Auswirkungen auf die sozialen Mechanismen. Wer sich nicht den Regeln der Gemeinschaft unterordnete, musste im Japan des Mittelalters mit „Mura hashibu“, dem Ausschluss aus dem Dorf, rechnen. Vor diesem Hintergrund kennen Japaner die Scham, wo Europäer von Schuld sprechen. „Schuld ist etwas Individuelles, Scham hat mit der Gruppe zu tun“, erläutert Becker. „Wenn sich einer ein Fehlverhalten leistet, leiden sofort andere darunter.“ Konsequenz: „In Japan gibt es nichts Schlimmeres als die Schande.“ Die ist gleichbedeutend mit dem gefürchteten Gesichtsverlust, der unbedingt zu vermeiden ist. Das lernen Japaner schon im Kindesalter. Wo europäische Eltern ihrem Nachwuchs bei Fehlern mit Strafen drohen, genügt japanischen Vätern und Müttern der Hinweis: Man wird über dich lachen.

Mentalität und Masse

Das Inselreich ist eine Massengesellschaft, die ohne Einordnung nicht funktionieren kann. Heute leben dort rund 127 Millionen Menschen, die meisten in riesigen Ballungszentren – und die müssen miteinander auskommen, ob sie wollen oder nicht. Ohne Disziplin, Rücksichtnahme und Respekt? Undenkbar. Das prägt das Leben bis in den Alltag hinein. Stets gilt es, die Form zu wahren und Gefühle in der Öffentlichkeit nicht zu zeigen. Ein Kuss auf offener Straße wäre eine Zumutung für andere, allenfalls ganz junge Paare spazieren händchenhaltend durch die Städte. Auch wütendes Schimpfen käme einem Japaner kaum in den Sinn. Während Europäer mit wildem Gestikulieren und Kraftausdrücken auf einen knapp verpassten Zug reagieren, bleiben Japaner gelassen – und lächeln. Mit Emotionslosigkeit sei das nicht zu verwechseln, erklärt Franziska Ehmcke, Japanologie-Professorin an der Uni Köln. In solchen Situationen sei Lächeln zwar nur eine Grimasse, hinter der Japaner sehr wohl Ärger erkennen. Der werde aber nicht offen gezeigt, „weil man der Meinung ist, dass ein lächelndes Gesicht für das Gegenüber noch am besten zu ertragen ist“.

Schweigen statt reden

Die Maske ist allgegenwärtig – und doch nicht immer Ausdruck von echter Freundlichkeit. Ebenso gut kann das Lächeln Verlegenheit überspielen oder die Scham über eigene Unkenntnis. Es ist Bestandteil einer nonverbalen Kommunikation, die in Japan mindestens ebenso wichtig ist wie Worte. Schon die Verbeugung oder das Überreichen der Visitenkarte sind keine bloßen Usancen, sondern unverzichtbarer Bestandteil der Verständigung. Für westliche Ohren mag es paradox klingen, aber auch Schweigen gehört zum Gespräch. Selbst in Verhandlungen über Millionendeals kann es vorkommen, dass das japanische Gegenüber die Augen schließt – und lange Zeit nichts sagt. Daraus auf Desinteresse oder Ablehnung zu schließen, wäre ein grober Fehler, denn hinter der scheinbaren Abwesenheit verbirgt sich oft konzentrierte Aufmerksamkeit.

Im Geschäftsleben kommt es häufig schon deshalb zu Missverständnissen, weil Europäer zu wenig Zeit mitbringen. Wo Deutsche oder Amerikaner ohne Umwege aufs Ziel zusteuern und möglichst schnell eine Entscheidung erzielen wollen, umschreiben ihre Gesprächspartner oder formulieren mehrdeutig, Absichten direkt zu äußern ist als unelegant verpönt. Die unverblümte Art der Europäer ist Japanern fremd, sie deuten lieber an, tasten sich vor, und was wirklich gemeint ist, kann stark vom Gesagten abweichen. Und immer gilt: Wer laut wird, hat verloren.

Überdies ist die Sprache weitaus subtiler und komplexer als die westlicher Gesellschaften. Es kommt darauf an, zwischen den Zeilen zu lesen, auf Andeutungen, Zwischentöne und den Kontext zu achten. Allein für den Begriff „ich“ kennt das Japanische mehr als 20 Ausdrücke, die je nach konkreter Situation benutzt werden. Zwar gibt es das Wort „nein“, in der Praxis wird es freilich so gut wie nie benutzt. Um so häufiger hört der Gesprächspartner ein „Hai“, also ein „Ja“ – gemeint ist damit aber oft nur „Ich habe Ihnen zugehört“. Wie etwas gesagt wird, hängt stark von der sozialen Stellung ab. Ist der Gesprächspartner ein Mann oder eine Frau? Ein Vorgesetzter oder ein Untergebener? Ist er älter oder jünger?


„Mach uns Ehre“


Eine Frau steht in einer überfluteten Straße neben ihrem Haus

Respekt

So spiegelt die Sprache auch die große Bedeutung von Hierarchien, die sich in der jahrhundertelangen Isolation Japans verfestigt hatten. Eine ständische Gesellschaft mit mächtigen Fürsten und Landesherren und dem Schwertadel der Samurai hatte sich etabliert, Bauern rangierten vor Handwerkern, Kaufleute waren zwar wohlhabend, aber nicht geachtet. Über allem stand der Kaiser, der Tenno. Er übte nicht immer die politische Macht aus, galt aber im Shintoismus lange als oberster Priester mit Gottstatus.

Mit der Öffnung des Landes, die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, löste sich die starre Ordnung auf – geblieben ist der Respekt. In der Familie nennen Kinder ihre Eltern immer noch „geehrte Mutter“ und „geehrter Vater“, Schüler treten morgens vor der Fahne an oder grüßen den Lehrer mit „Meister“. „Mach uns Ehre“ lautet eine gängige Forderung der Eltern an ihre Kinder, und die akzeptieren diesen Anspruch. Im Unternehmen blicken junge Mitarbeiter zu älteren auf, eine abweichende Meinung wird nicht geäußert – jedenfalls nicht offen. Vorgesetzte behandeln Berufsanfänger noch heute oft nach dem Prinzip von „Kohai“ und „Sensai“: Der Lehrer nimmt den Schüler unter seine Fittiche, gibt wohlwollend-streng Hilfe und begleitet seinen Weg.

Götter und Glaube

Und wie halten es Japaner mit der Religion? Sind die traditionellen Glaubensrichtungen Buddhismus und Shintoismus noch prägende Kräfte? Laut offizieller Statistik gehören rund 80 Prozent der Menschen beiden Konfessionen an – und bedienen sich auch ganz unbefangen bei beiden. Es ist kein Widerspruch, eine Hochzeit nach Shinto-Ritus auszurichten und ein Begräbnis nach buddhistischem Ritual. Ob Urlauber auf der Reise in einem Schrein ein Opfer darbringen oder Bauern um eine gute Ernte bitten: Im Vordergrund steht, sich mit den Göttern gut zu stellen. „Es geht nicht um tiefe Religiosität, sondern um Bewältigung des Diesseits“, meint Helmut Becker.

Dennoch ist der Einfluss von Religion auf das Verhalten in Naturkatastrophen nicht zu unterschätzen. Gerade der Shintoismus kennt zahlreiche Naturgottheiten, und die sind nie nur gut oder nur böse. So bringt der Gott des Windes einerseits zerstörerische Taifune, andererseits den wichtigen Regen. Auch der Buddhismus lehrt, im Angesicht von Not und Leid die Haltung zu bewahren, und führt zu Demut gegenüber der Natur und ihren Ereignissen. Und so stellt sich auch niemand die Frage, ob Beben oder Überschwemmung eine Strafe der Götter seien.

Wichtiger als Philosophien, Zen und Weltentrückung bleibt für die Mehrzahl der Japaner stets pragmatisches Verhalten. „Shou ga nai“ – du kannst es nicht ändern, also mach das Beste draus – ist fast schon ein Leitspruch für die Bewältigung des täglichen Lebens. An die Stelle von Prinzipien, auf denen in westlichen Gesellschaften gern herumgeritten wird, tritt Pragmatismus – „dem sogar die Moral untergeordnet wird, wenn es denn nötig ist“, erklärt Helmut Becker.

Aufstieg zur Spitze

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für Japan eine tief greifende Zäsur. Als die Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki – in einer gewaltigen Anstrengung der Gemeinschaft – bewältigt war, begann ein Aufstieg zur wirtschaftlichen Großmacht. Heute ist das Land eine der führenden Industrienationen der Erde, seine Produktionsmethoden wurden Vorbild sogar in den USA oder in Deutschland, Autos, Computer oder Elektronik made in Japan dominieren die Märkte.

Welt im Wandel

Der Wandel machte vor altehrwürdigen Institutionen nicht halt. Kaiser Hirohito verzichtete auf seinen Status als Gott, die Tradition der Samurai – sofern sie in der jüngeren Vergangenheit überhaupt noch lebte – hat sich verflüchtigt und spielt allenfalls noch in westlichen Vorstellungen eine Rolle. So sind auch die „Helden von Fukushima“, die sich angeblich freiwillig für die Gemeinschaft opfern, eher ein Propagandaklischee als Realität.

Freilich gingen auch die Krisen der Weltwirtschaft an Japan nicht spurlos vorüber. Selbst Großkonzerne, die ihren Mitarbeitern eine Vollversorgung von der Wiege bis zur Bahre garantierten, können solche Leistungen immer seltener erbringen. Längst nicht alle Arbeitnehmer fühlen sich noch lebenslang an ihr Unternehmen gebunden. Die Überalterung der Gesellschaft fordert ihren Tribut, eine Gesellschaft, in der Vater und Mutter in hohem Ansehen stehen, muss sich plötzlich mit Altersarmut auseinandersetzen. Auch die Alltagskultur verändert sich: Westliche Musik und Mode halten Einzug, Sitten lockern sich. Umgekehrt werden Manga und Karaoke zum Exportschlager in Europa und Amerika.






Doch trotz aller Vermischung zwischen West und Ost bestimmen nach wie vor Disziplin und pragmatische Pflichterfüllung den Alltag, immer noch fehlt – so Helmut Becker – jeder Sinn für Larmoyanz. Und das lässt die Japaner wohl gerade in Krisenzeiten noch enger zusammenrücken.

Mittwoch, 30. März 2011

Titelgelüste, Puppen und Bedenken

Titelgelüste, Puppen und Bedenken

Bundestrainerin Silvia Neid

Selbstbewusst geht das DFB-Team die Titelverteidigung bei der Heim-WM an. Sportlich gut gerüstet, dämpft nur der übermächtige Schatten des Sommermärchens der Herren die Euphorie.

17. Juli 2011, Commerzbank-Arena: Spielführerin Birgit Prinz reckt unter dem Jubel von knapp 50 000 Fans freudestrahlend die Trophäe der Frauen Fußball WM in den lauwarmen Frankfurter Nachthimmel. DFB-Präsident Theo Zwanziger herzt Bundestrainerin Silvia Neid, bedankt sich für tolle Spiele und feiert mit Torhüterin Nadine Angerer, Kerstin Gareferkes und Co. den dritten schwarz-rot-goldenen WM-Titel in Serie. Der Prosecco fließt in Strömen, jede WM-Amazone wird künftig als Barbie-Puppe vertrieben. Die Massen singen und tanzen auf der Straße. Das Motto „20Elf von seiner schönsten Seite!“ ist soeben Realität geworden.

Soweit der Plan. Der ist zwar ambitioniert, aber keineswegs unrealistisch. Denn alles andere als die Titelverteidigung als Ziel der ersten Heim-WM auszugeben, wäre Understatement. Immerhin schickt die Welttrainerin des Jahres 2010, Silvia Neid, die „Mannschaft des Jahres“ 2010 ins Rennen. „Wir“ sind amtierender Europameister. Der Triumph in Norwegen 2009 war dabei der fünfte EM-Titel in Folge. „Wir“ sind auch amtierender Weltmeister – und zwar durchgehend seit 2003. Vor vier Jahren in China kassierten die deutschen Mädels weder ein Gegentor noch eine Niederlage. Mit Mittelstürmerin Prinz haben wir neben der Brasilianerin Marta die beste Fußballerin auf Erden in den eigenen Reihen. Auf den Punkt brachte es Erfolgstrainerin Neid: „Wir sind der Favorit.“

Frauen sorgen für Titel, Männer für Stimmung

Trotz des höchstmöglichen eigenen Anspruchs möchte Team Deutschland aber ohne besonderen Druck ab 26. Juni ins Turnier gehen und dort „Spaß haben“ (Neid). Apropos Spaß: Großes Vorbild ist da natürlich die Heim-WM der Männer 2006, die als Sommermärchen in die Fußball-Geschichte einging (obwohl sportlich lediglich der dritte Rang heraussprang). Mit Freude im Herzen erinnert man sich hierzulande an diesen genialen Sommer mit ausgelassener Partystimmung beim Public Viewing, deutschen Flaggen, viel Sonne und der Welt zu Gast bei Freunden.

Genau hier tritt ausgerechnet Frauenfußball-Fan Zwanziger auf die Euphorie-Bremse: „Keiner darf am Ende enttäuscht sein, wenn nicht erneut Tausende von Besuchern auf die Public-Viewing-Plätze wie zum Beispiel am Brandenburger Tor strömen“, warnte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die geringere Anzahl an Teilnehmern und Spielstätten und die vermutlich ausbleibenden Fan-Stimmungskanonen aus England oder den Niederlanden sieht Zwanziger problematisch. Neben dem WM-Titel wünscht sich Zwanziger vor allem volle Stadien und „Respekt und Anerkennung für die Leistungsfähigkeit der Frauen.“ Organisationskomitee-Präsidentin Steffi Jones erhofft sich einen Quantensprung für den Frauenfußball.

Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), jetzt Verteidigungsminister, gelobte im Vorfeld, dass es von ihm keinerlei Witze mehr über Frauenfußball geben werde. Ein erster Schritt zu einem besseren Image der Sportart ist also schon gemacht. Den konservativen Rest der Fußballszene kann die deutsche Nationalelf vielleicht durch Leistung noch überzeugen. Stark genug sollte der Kader dafür sein.

Legenden und Newcomerinnen

Angeführt von Galionsfigur Prinz, die bereits ihre fünfte WM spielt, den Veteranen Ariane Hingst, Kerstin Garefrekes und Inka Grings hat Bundestrainerin Neid eine schlagkräftige Truppe nominiert, in der vermutlich auch einige Newcomerinnen aus dem U20-Weltmeisterteam ihre Chance erhalten werden.

Bis zum Eröffnungsspiel in Berlin mutet sich die DFB-Auswahl noch ein gut gefülltes Programm zu. Nach sieben mehrtägigen Lehrgängen und vier Testspielen (gegen Nordkorea, Italien, Holland und Norwegen) wird noch einmal ausgesiebt. Neids schwierige Aufgabe: Aus 26 starken Spielerinnen fünf streichen. Am 21. Juni versammeln sich die Weltmeisterinnen dann in der Hauptstadt zur Mission Titelverteidigung. Die Vorrundengegner lauten Kanada, Nigeria und Frankreich. Das Traumfinale wäre Deutschland gegen Brasilien. Der Phantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Gedanklicher Flug in die Zukunft
2015, WM-Finale in Kanada: Spielführerin Dzsenifer Marozsan reckt den Pokal in die lauwarme Nacht. Der Rekordweltmeister von Bundestrainerin Birgit Prinz hat zum vierten Mal in Serie den Titel …

Friedrichs Fehlstart

Friedrichs Fehlstart

CSU-Minister Friedrich: "Mit Unerfahrenheit geglänzt"

Muslimische Teilnehmer sind empört über die neue Linie, die Innenminister Hans-Peter Friedrich der Islamkonferenz verpasst hat, die Opposition ruft zum Boykott auf. Der CSU-Politiker droht zum Gefangenen seines eigenen Kalküls zu werden. 

Berlin - Auf der Agenda von Innenminister Hans-Peter Friedrich stehen Aufgaben wie die innere Sicherheit, die Bekämpfung von Extremismus.

Aber nur wenige Wochen nach seinem Antritt überlagert ein anderes Thema die öffentliche Wahrnehmung des CSU-Politikers. Nach seiner Äußerung, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre,


erntet der neue Minister bereits zum zweiten Mal Empörung. Die Islamkonferenz am Dienstag, die seinen Vorgängern vor allem schöne Bilder bescherte, geriet zum Fehlstart für Friedrichs Amtszeit.Es hagelt Kritik: Er fördere mit seinem Plan nach einer Sicherheitspartnerschaft zwischen Muslimen und Staat "eine sehr bedenkliche Kultur des Denunziantentums unter den Muslimen", wütet die Islamwissenschaftlerin Omerika. Die SPD-Politikerin Aydan Özoguz, deren Partei in der großen Koalition maßgeblich an dem Projekt beteiligt war, fordert die muslimischen Teilnehmer am Mittwoch auf, die Konferenz künftig zu boykottieren. Friedrich sei eine "absolute Fehlbesetzung".

"Es hinterlässt Fragezeichen, wenn die in der Konferenz vertretenen Muslime offener für andere Religionen wirken als der amtierende Innenminister", so Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erklärte, die Islamkonferenz müsse zur Chefsache werden und im Kanzleramt angesiedelt werden. Friedrich sei dabei, die Islamkonferenz "mit Karacho in den Sand zu setzen", so Grünen-Chef Cem Özdemir.

Aufregung überall - dabei ist Friedrichs neue Linie Parteikalkül. Das Feld Integration und Islam ist für die CSU ein Schlüssel, um weiter konservative Wählerschichten und Stammwähler an sich zu binden. Parteichef Horst Seehofer wettert gegen Zuwanderung aus "anderen Kulturkreisen", Bayerns Sozial- und Integrationsministerin Christine Haderthauer (CSU) fordert mehr Härte gegenüber Migranten. Die CSU schwingt die Sarrazin-Keule.

Der Oberfranke Friedrich gilt in seiner eigenen Partei als Liberaler - aber als Innenminister fühlt er sich der CSU und ihren Wählern verpflichtet. Friedrich setzt auf die Zustimmung der Millionen, weniger auf die von 16 muslimischen Teilnehmern auf der Islamkonferenz.

Aber der CSU-Mann hat offenkundig die Schärfe der Reaktionen unterschätzt. Wenn es bislang auf der Islamkonferenz Streit gab, dann vor allem zwischen den konservativen muslimischen Verbänden und dem Staat. Jetzt haben sich die muslimischen Einzelpersonen beinahe geschlossen in einer Erklärung gegen Friedrich gestellt.

Friedrich reagierte verunsichert. Er ist ist kein Haudrauf-Typ. Die muslimischen Teilnehmer fühlen sich in der deutschen Gesellschaft ohnehin häufig ausgegrenzt und benachteiligt - da erwarten sie vom neuen Innenminister mehr positive Ansprache, weniger unklares Taktieren.

 Was genau wird ihm vorgeworfen? Zum Beispiel habe Friedrich seine Äußerung, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre, auf der Sitzung von sich aus nicht angesprochen - viele Teilnehmer seien deshalb fassungslos gewesen. "Sie starrten ihn ungläubig an", sagt der ägyptisch-stämmige Politologe Hamed Abdel-Samad, selbst Mitglied auf der Islamkonferenz. "Friedrich ging mit weniger Elan und Begeisterung in die Konferenz, als noch sein Vorgänger Thomas de Maizière, so Abdel-Samad zuu SPIEGEL ONLINE. "Friedrich hat mit Unerfahrenheit geglänzt", sagt Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Wütend sind viele auch deshalb, weil Friedrich seinen Plan von einer Sicherheitspartnerschaft vorab in der Presse verbreitete - Teilnehmer fühlten sich überrumpelt.


Einen Tag nach dem Eklat aber sind auch versöhnliche Stimmen zu hören - viele fürchten nämlich, dass die Konferenz endgültig scheitert. "Es ist im Interesse der Muslime, dass es dieses Dialogforum gibt", sagt Abdel-Samad: Die Islamkonferenz sei ein einzigartiges Kommunikationsforum in Deutschland. "Wo sonst sitzen liberale und konservative Muslime, Sunniten und Aleviten an einem Tisch? Die Muslime selbst haben es jedenfalls nicht geschafft, so einen Austausch zu organisieren." Die Boykottforderung der SPD sei deshalb fahrlässig.

Es diene nicht der Sache nach jeder heftigen Debatte zum Boykott aufzurufen, sagt Konferenz-Teilnahmer Ali Ertan Toprak von der liberalen Alevitischen Gemeinde der Nachrichtenagentur dapd. Ohnehin könnten die muslimischen Verbände sehr wohl für sich selbst eintreten, sagte er. "Es ärgert mich, dass SPD und Grüne immer meinen, sie müssten in unserem Namen sprechen." Toprak ist selbst Mitglied der Grünen.

Int. Fußball - Eine Leiche schaut Fußball

Int. Fußball - Eine Leiche schaut Fußball


Kolumbianische Fußballfans erfüllten einem ermordeten Kameraden den "letzten Wunsch" und schleppten den Leichnam samt Sarg mit ins Stadion. Unter den entsetzten Blicken der Zuschauer hob die Fangruppe "Barra del Indio" beim Heimspiel ihres Klubs Cúcuta gegen Envigado den braunen Sarg über die Köpfe.

Die Jugendlichen hätten die Leiche bei einem Bestattungsunternehmen gestohlen, berichtete die Zeitung "La Opinión".

Wie es ihnen gelang, den Sarg durch die angeblich strengen Sicherheitskontrollen in das Stadion "General Santander" in der Stadt Cúcuta zu schmuggeln, war zunächst unklar. Der örtliche Polizeichef, Oberst Álvaro Pico, sprach von einem "unglücklichen Vorfall".

Dem Klub des Toten brachte der makabere Stadionbesuch aber offenbar Glück: Kaum war der Sarg aufgetaucht, erzielte Cúcuta den Ausgleichstreffer zum 1:1-Endstand.